Evangelische Schule Dettmannsdorf

Finalist in der Kategorie "Bausumme bis 1.000.000 Euro"

Bestand

Die Evangelische Schule Dettmannsdorf ist seit 2005 eine Schule in freier Trägerschaft mit etwa 150 Schülern. Sie befindet im Zentrum der Gemeinde Dettmannsdorf im Amt Recknitz-Trebeltal und war von 1950 bis 2003 eine staatliche Schule. Die Bestandsgebäude sind auf dem 10.000 qm großen Grundstück etwa 60 Meter von der Straße nach Westen zurück versetzt: das Hauptgebäude (1950), ein Nebengebäude (1962) und der Erweiterungsbau des Hauptgebäudes (1974) bilden ein nach Osten hin offenes U und schließen den Schulhof ein, die Sporthalle (1984) befindet sich südlich der Schulgebäude. Östlich des Schulhofes gibt es großzügige Freiflächen, östlich der Sporthalle sind die Sportflächen angeordnet. Zwischen Sport- und Freiflächen erstreckt sich eine alte Baumhecke. Mit Ausnahme des Hauptgebäudes sind die Gebäude Behelfsbauten ohne gestalterischen Anspruch, deren Baukonstruktion und Ausführung von Zeiten des Mangels geprägt sind. Über die Jahre soll das vorgefundene Areal sukzessive in einen modernen Schulcampus umgewandelt werden.

Aufgabe

Im Jahr 2012 beauftragte der Schulträger der Evangelischen Schule in Dettmannsdorf die Planung einer Pausenhofüberdachung, die ggf. auch für Veranstaltungen oder Unterricht im Freien genutzt werden könne, sowie die Planung einer Bushaltestelle mit Taschenablagen für etwa 100 Schüler. Im Rahmen eines langfristigen Masterplans wurde ein Pavillonpaar vorgeschlagen, das die Schulgebäude räumlich mit der dörflichen Bebauung entlang der Marlower Straße verbindet, der bis dahin absoluten Prägung der Zwischenräume des Bestandsareals mit der Ausbildung von Orten begegnet und somit andere Lesbarkeiten und Nutzungen der Freiräume ermöglicht. Realisiert wurde zwischen November 2012 und April 2013 der erste der beiden Pavillons, die sogenannte Bühne.

Bühne

Die Bühne befindet sich östlich des Erweiterungsbaus in dessen Verlängerung und bildet den Übergang zwischen Schulhof im Norden und den Sportflächen im Süden des Grundstückes. Mit der Platzierung an dieser Stelle wird der Schulhof als Raum klar gefasst, die zuvor als unangenehm empfundene starke Frontalität des Nebengebäudes mit leiser Ironie zum begehrtesten Ort erklärt und dem Schulareal eine neue Mitte geschenkt, um die herum fortan sich alles Geschehen neu organisiert. Es handelt sich um einen Pavillon in offener Bauweise. Der Pavillon ist in zwei sich unter einem Flugdach befindende Räume gegliedert, wobei einer der Räume sich zum Schulhof und der andere zu den Sportflächen ausrichtet. Man betritt die Bühne über die längsseitig angeordneten Treppen vom Schulhof und zu den Sportflächen hin. Die Räume des Pavillons werden von Flächen und Stützen aus Stahl und Holz gebildet. Nutzung

Die Bühne kann verschieden genutzt werden – als überdachter Pausenraum an Regentagen, als Sommerklassenzimmer, Tribüne bei Sportfesten, allseitig offener Bühnenraum für verschiedene Veranstaltungen der Schule wie Konzerte, Aufführungen, Sommerkino, Andachten usw. Im Zweifel ist die Bühne einfach nur ein Ort, von dem aus sich die Welt betrachten lässt, und der je nach Wetter und einfallendem Licht anders in Erscheinung tritt.

Konstruktion

Das Tragwerk besteht aus steifen Boden- und Dachscheiben, die biegesteif mit Fachwerkträgern verbunden sind und von schmalen Pfosten pendelnd gestützt werden. Der Pavillon ruht auf sechs Einzelfundamenten. Die Bodenscheibe wird von umlaufenden IPE-Randträgern, Nebenträgern sowie einem Deck aus sägerauem Lärchenholz im IPE-Zwischenraum gebildet. Die Dachflächen bestehen ebenfalls aus umlaufenden IPE-Randträgern, die biegesteif mit jeweils zwei Installationsträgern verbunden sind. In Querrichtung sind die Dachscheiben mit Lamellen aus sägerauem Lärchenholz ausgefacht. Die Lamellen tragen den Witterungsschutz aus Well-PVC. Der obere Mittelträger ist als Regenrinne ausgeführt, die Entwässerung erfolgt über einen Wasserspeier nach Osten hin. Das schmale Fundamentauflager sowie die stirnseitige Auskragung der Konstruktion begünstigen den Eindruck eines schwebenden Pavillons.

Die Treppenstufen sind so ausgeführt, dass sie diesen Eindruck unterstützen. Gemäß der Intention, einen von Flächen und Linien begrenzten Raum zu schaffen, sind die Ecken der IPE-Träger als offene Ecken ausgeführt. Die werkseits verzinkte und beschichtete Stahlkonstruktion wurde komplett vorgefertigt und innerhalb von 8 Stunden mittels einfacher Schraubverbindungen montiert. Die Fachwerkträger sind mit raumhohen Sperrholzplatten verkleidet und mit einer witterungsfesten Beschichtung im Farbton der Stahlkonstruktion versehen. Das Lärchenholz ist unbehandelt und wird mit der Zeit ergrauen.

Ausstattung

Die Bühne ist mit einfachen, paarweisen Strahlern entlang der Installationsträger als Grundbeleuchtung ausgestattet. An den Stirnseiten der Wände befinden sich abschließbare Klappen, die zusätzlichen Stauraum für Vorhänge (können nachgerüstet werden) und Steckdosen enthalten, in der Mittelwand befinden sich die Schalter für Licht und Rinnenheizung, im Boden gibt es Starkstromdosen. Entlang der Installationsträger sowie der umlaufenden IPE-Träger sind Vorrichtungen für die Befestigung von temporären Installationen vorhanden. Die Mittelwand ist mit Tafelfarbe versehen und lässt sich auf die doppelte Fläche ausklappen, so dass sich der Pavillon in zwei offene Klassenzimmer unterteilt.

Ortsbild

Das Schulareal befindet sich im Zentrum der aus fünf kleinen Dörfern bestehenden Gemeinde mit etwa 1.300 Einwohnern. Das Ortsbild Dettmannsdorfs stellt sich als "Straßendorf" dar, zumeist durch Alleen verbunden, gesäumt von Feldern und größeren Waldstücken, in den sanften Wellen des Urstromtals der Recknitz gelegen. Die ländlichen Räume Ostmecklenburgs und Pommerns waren bis Ende des 19. Jahrhunderts reine Gütergegenden, bestehend aus Herrenhaus, Landarbeiterkaten und Stallungen ohne gewachsene Dorfstrukturen. Das, was heute zumeist als Straßendörfer existiert, ist auf die verschiedene Entwicklungsschübe von 1880/1930/Nachkriegszeit/1970er/1980er Jahre bis heute zurückzuführen, wobei mit fortschreitender Zeit die bauliche Qualität abnimmt. Sind die Bauten von 1900 noch solide gebaut und von einem gewissen gestalterischen Anspruch geprägt, ist alles Folgende auf den das Gebäude bestimmenden Zweck ausgerichtet. Aller begrenzter Charme entspringt dieser Vereinfachung.

Sozialstruktur

Wie viele andere ländliche Gebiete kämpft die Gemeinde Dettmannsdorf um ihr gesellschaftliches Überleben. Dank der geografischen Nähe zur Ostsee, den Städten Ribnitz-Damgarten und Rostock, guter Verkehrsanbindung und den vielen kleinen Gewerbetreibenden ist die Sozialstruktur der Gemeinde über die Jahre ausgewogen geblieben, allerdings verlassen viele Heranwachsende für Ausbildung und Studium die Region, also müssen immer wieder junge Familien hinzuziehen, damit die Gemeinde nicht nach und nach vergreist.

Dorfgemeinschaft

Schon früh war man sich bewusst, dass ein wichtiger Baustein für eine langfristig intakte Dorfgemeinschaft ein ganztägig belebtes Dorfzentrum mit Schule und Kita ist. So gründeten Gewerbetreibende und Dorfbewohner zuerst den Schulförderverein Dettmannsdorf e.V. und dann 2005 mit strategischer Unterstützung der Gemeinde die "Evangelische Schule Dettmannsdorf" als freie regionale Ganztagsschule für individuelles Lernen. Inzwischen lernen 150 Schüler an der Schule, die Eröffnung einer Grundschule ist geplant – und eine erstaunliche Anzahl junger Familien ist in den vergangenen Jahren neu hinzugezogen oder auf der Suche nach geeignetem Wohnraum.

Planungsziel

Dabei begleitet uns jenseits knappster Budgets von Beginn an die Frage, wie baut man eigentlich in einer Gegend ohne prägende Bautradition? Alle Baumaßnahmen der Evangelischen Schule zielen darauf, der Schule langfristig optimale und zeitgemäße Bedingungen zu schaffen, die sukzessive räumliche Umwandlung, Nachverdichtung und Anbindung des Areals an das Dorf zu ermöglichen, neue Angebote für die Nutzung aller Dorfbewohner zu integrieren, Stück für Stück das Bewusstsein für handwerkliches Bauen wieder zu beleben und nicht zuletzt mit ansprechender und angemessener Gestaltung das Ortsbild aufzuwerten, die Identifikation mit dem Dorf zu stärken und für Akzeptanz dieser Schule in freier Trägerschaft im sensiblen Mikrokosmos Dorf zu werben.

Text: Marika Schmidt / mrschmidt

Fertigstellungstermin04/2013
Bruttogeschossfläche90 qm
Umbauter Raum350 cbm

Landesbaupreis

Landesbaupreis 2014: Belobigung in der Kategorie „Bausumme bis 1.000.000 €“

Anschrift

Ev. Schule Dettmannsdorf
18334 Dettmannsdorf

Bauherr

Schulförderverein Dettmannsdorf e.V.
Marlower Str. 07
18334 Wöpkendorf

Ev. Schule Dettmannsdorf
18334 Dettmannsdorf

Planer

mrschmidt Architekten
Bartningallee 4
10557 Berlin

Tragewerksplaner

Dipl. Bau-Ing. Nicole Zahner
Studio C
Lützowstraße 102/C
10785 Berlin