Drehbrücke Inselstadt Malchow

Die Drehbrücke in Malchow ist eng verbunden mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt in den letzten 150 Jahren und stellt eines der herausragenden Zeugnisse der Stadtgeschichte dar. Mit dem Bau des Erddamms im Jahr 1846 wurde die Stadt mit dem östlichen Seeufer und dem Kloster verbunden, zu dem es seit dem 17.Jahrhundert nur eine Fährverbindung gab. Im Vordergrund standen der Ausbau der Infrastruktur und die landseitige Verkehrsanbindung der Stadt, die die spätere industrielle Entwicklung erst ermöglichte. Gleichzeitig wurde am westlichen Seeufer anstelle einer festen Brückenanbindung die erste bewegliche Brücke als Hebebrücke errichtet, die bereits 1863 durch die erste hölzerne Drehbrücke ersetzt wurde. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt wuchs auch der Verkehr zu Lande und zu Wasser, so dass 1912 die zweiteilige Brücke von 1863 durch eine einteilige und zweispurige Brücke als Stahlkonstruktion mit Holzbelag und massiver Gründung ersetzt werden musste. Auch diese Stahlkonstruktion unterlag einer wechselvollen Geschichte. Neben dem Wiederaufbau nach der Zerstörung im 2.Weltkrieg und der Rekonstruktion Ende der 1980er Jahre war nun ein weiterer wichtiger Meilenstein erreicht.

Die 1995 begonnenen, tief greifenden und zukunftsorientierten Veränderungsprozesse der Stadterneuerung waren im Brückenumfeld bis auf die Drehbrücke selbst im Jahr 2010 annähernd abgeschlossen. Für diesen neuralgischen Verkehrsknotenpunkt wurde ein Gutachten zur Uferbefestigung im Brückenbereich erarbeitet. Dieses Gutachten ergab, dass die verbliebenen Unterwasserbauteile aus dem Jahre 1912 erhebliche Schäden aufwiesen und es technisch not- wendig war, die alte Ufereinfassung im Bereich der Drehbrücke sowie die Fundamentierung des Brückenunterbaus zu ersetzen. Ein weiteres Gutachten aus dem folgenden Jahr zum Zustand der Drehbrücke zeigte, dass die Schäden am Bauwerk so groß waren, dass ein Ersatzneubau erforderlich sein würde.

Für das neue Brückenbauwerk musste eine Lösung gefunden werden, die der Bedeutung der Brücke als identitätsstiftendes Bauwerk gerecht wird und einen städtebaulichen Kontext her- stellt. Die exponierte Stellung und Bedeutung der Drehbrücke bedingt immer die Anpassung an die bestehenden und zu erwartenden Erfordernisse. Diese Chance sollte mit der beabsichtigten Erneuerung der Drehbrücke in allen Aspekten maximal genutzt werden.

Da das vorhandene Bauwerk zum historischen Bestandteil des Stadtensembles gehört und im Denkmalbereich „Altstadtinsel Malchow“ liegt, stand sowohl für die Bewohner der Inselstadt als auch für das Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern fest, dass wieder eine Drehbrücke als Zeugnis des beweglichen Brückenbaus entstehen muss. Die auf engstem Raum erfolgte Umsetzung dieses heutzutage selten gewordenen Ingenieurbauwerkes stellte eine große technische Herausforderung für alle Beteiligten dar. Die gelungene Zusammenarbeit der in Malchow tätigen Architekten mit den Brücken-, Maschinen- und Straßenplanern hat ein Gesamtbauwerk mit besonderem Flair erschaffen, das Emotionen weckt und der Seele des Ortes eine Gestalt gibt.

Im Optimierungsprozess für eine schlanke Überbaukonstruktion zur Einbindung der Brücke in diesen städtebaulich sensiblen Bereich entstand eine stählerne Schrägseilbrücke mit Pylonen, die für eine moderne, zukunftsorientierte Gestaltung steht und mehr ist als die vormalige gedrehte Straße. Die Brücke und die sie umgebende Bebauung bilden den Auftakt- und Eingangsbereich zur historischen Altstadtinsel. Landseitig wird durch die beidseitigen Brückenpylone die Torwirkung besonders betont. Seeseitig zitiert die Brückengestaltung das Segelmotiv eines Einmasters, zugleich wird durch die Schrägstellung der Pylone der Kräfteverlauf im Tragwerk symbolisiert. Kombiniert mit einer Anhebung der Straßengradiente ermöglicht der schlanke Überbau eine größere Durchfahrtshöhe als bisher, so dass sich der Anteil passierender Boote bei geschlossener Brücke deutlich erhöht.

Bauabschnitte

1. Bauabschnitt - Abbruch und Ufersicherung

Die gesamte bestehende Uferbefestigung im Brückenbereich wurde abgebrochen und durch eine neue Ufersicherung ersetzt. Hier kamen verankerte Stahlspundwände als klassische Sicherungselemente zum Einsatz. Eine besondere Herausforderung für die Tiefgründungarbeiten stellten die zahlreich vorhandenen Versorgungsleitungen zur Insel dar.

2. Bauabschnitt - Brückenbau

Das neue Brückenbauwerk wurde mittels Bohrpfählen tief gegründet. Den oberen, zum Teil sichtbaren Abschluss bilden Pfahlkopfplatten, auf denen die Widerlager, Flügel und Lagersockel aus Stahlbeton errichtet wurden.
Auf dem stadtseitigen Unterbau wurde der Drehpunkt mit den erforderlichen Antriebselementen angeordnet. Der elektromechanische Drehantrieb, der über ein Triebstockgetriebe die Brücke bewegt, sowie die Lagereinrichtungen für den Lastabtrag in Verkehrslage bilden die maschinenbaulichen Einrichtungen der Drehbrücke. Als Besonderheit ist die innovative Gestaltung der Brückenlagerung anzusehen. Sie besteht aus einem Großdrehlager als Herzstück der Brücke und drei hochklappbaren Exzenterlager- reihen, die zu einer eindeutig definierten Lagersituation beim Drehen der Brücke führt. Durch die Integration des Spitzenriegels in die Exzenterlagerreihe an der Brückenspitze, konnte auf einen gesonderten Antrieb des Spitzenriegels verzichtet werden. Der Stahlüberbau wurde als orthotrope Platte konzipiert. Die Platte wird von Quer- und Längsträgern gestützt. In Achse des Drehpunktes wurden beidseitig der Fahrbahn zwei ovale Pylone angeordnet, die durch jeweils zwei Zugstäbe mit den beiden Längsträgern verbunden sind. Die Drehbrücke bildet in Verkehrslage (geschlossen) ein Dreifeldbauwerk mit unterschiedlichen Stützweiten. Die Gesamtlänge des Überbaus beträgt 21,70 m. Die inselseitig vorhandene Fahrbahnbreite von 4,75 m wird über die Brücke weitergeführt. Mit den beidseitigen Gehwegen ergibt sich eine Brückenbreite von 10,15 m. Das schlanke Design der Brücke wird durch die Gestaltung der Brückengeländer mit den parallel zum Handlauf gerichteten Rundstäben verstärkt. Die weiche Formgebung der Pfosten und des Handlaufs folgen dem Grundprinzip des Schwingens.
 Die gesamte Stahlkonstruktion des Überbaus wurde in einem einheitlichen Farbton beschichtet, um ein harmonisches Gesamtbild zu erzielen. Gleichzeitig unterstützt die helle Beschichtung die Wirkung des Beleuchtungskonzeptes in LED-Technik. In den Abendstunden wird durch das Zusammenspiel aus den illuminierten Seitenflächen des Überbaus, der indirekten Beleuchtung des Geländerhandlaufs und den Lichtspitzen der Pylone das Brückenbauwerk zurückhaltend inszeniert. Die Leuchten der Brückenunterseite können je nach örtlichen Festivitäten sowie an bestimmten Feiertagen wahlweise in den Farben rot, blau, grün und in den Stadtfarben blau/gelb eingestellt werden.

3. Bauabschnitt - Straßenbau und Freiflächengestaltung

Mit dem Neubau der Drehbrücke wurde es erforderlich, die neue Brückenform in die bereits umgestalteten Anschlussbereiche einzubinden. Die Herstellung der durch Beton und Granit geprägten südlichen Bogenfigur zur Absperrung des Drehbereiches wurde im Vorgriff auf die unumgängliche Erneuerung der Drehbrücke bereits mit dem Abriss des Brückenwärterhäuschens möglich. Analog dazu wurde mit dem Brückenbau auch der nördliche Drehbereich umgestaltet und die Geometrie der Südseite aufgegriffen. Der nordwestliche Uferweg wurde als bereits neu gestaltetes Element integriert. Die vorhandene Planung des Areals am Fischhaus konnte mit einer Terrasse innerhalb dieser Baumaßnahme umgesetzt werden. Während die Gestaltung des westlichen Festlandes von der Drehbewegung der Brücke und den da- durch erforderlichen Schutzbauten geprägt wird, ist die Situation inselseitig eine ganz andere. Hier konnten die Uferbereiche öffentlich gemacht und hergerichtet werden. Den Besuchern der Stadt, die in großer Anzahl das Drehen der Brücke als besondere Sehenswürdigkeit verfolgen, wurde nicht zuletzt durch die Schaffung des Balkons im südlichen Inselanschluss ermöglicht, das Geschehen hautnah und mit freiem Blick zu erleben. Die Straßenanschlüsse mussten durch die Anhebung der Gradiente angepasst werden und führen nun deutlich sichtbar zur Drehbrücke, die als leichte Erhebung den Straßenverlauf unterbricht.

Fertigstellungstermin12/2013
Umbauter Raum2000 m² mit 203 m² Brückennutzfläche

Landesbaupreis

Landesbaupreis 2014: Publikumspreis

Anschrift

Kirchenstraße/Langestraße
17213 Malchow

Bauherr

Inselstadt Malchow

Planer

Architekten

Ingenieurbüro Thiele & Partner, Neustrelitz

Autzen & Reimers Architekten BDA, Berlin

Dipl.-Ing. Andreas Voss, Hannover

Landschaftsarchitekt Thomas Henschel, Rostock

Planer Entwurf

Ingenieurbüro Thiele & Partner, Neustrelitzck

Tragewerksplaner

Ingenieurbüro Thiele & Partner, Neustrelitz

Sanierungsträger: EGS Entwicklungsgesellschaft mbH

Fachplaner

Baugrundlabor Sydow, Waren/ Müritz

Vermessungsbüro Bannuscher & Meißner, Wittenförden

Merkel Ingenieur Consult, Bad Doberan

Ingenieurbüro Lorenz GmbH, Rostock

Lichtplan Creativ, Berlin