Derz'sches Haus Güstrow

Finalist in der Kategorie "Bausumme bis 1.000.000 Euro"

Geschichte

Das 1539 erbaute Dielenhaus ist eines der ältesten und repräsentativsten Gebäude der Güstrower Altstadt.

Über den Erbauer ist bisher nichts bekannt. Die Bauforschung vermutet, dass das Gebäude als Stadtsitz des Klosters in Bad Doberan genutzt wurde und dass auf dem Grundstück weitere Lagergebäude standen. Um l600 bewohnte Protasius Marstaller, der ein Gelehrter am Hofe Herzog Ulrichs war, das Haus. In diese Zeit fallen die erste belegbare Umbauphase und die Bemalungen der Holzbalkendecke mit Portraitmedaillons von Wissenschaftlern des 15. Jahrhunderts.

Im 18. Jahrhundert bewohnten verschiedene bürgerliche und adlige Familien das Gebäude. Aus der Umbauphase um 1750 sind die reich geschnitzte Haustür, eine prächtige Innentür und die Stuckdecken in den straßenseitigen Erdgeschossräumen erhalten geblieben. Eine barocke Fachwerkwand, die die Decke zum Galeriegeschoss trägt, konnte in die neue Nutzung integriert werden.

Ab Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude einschl. der gründerzeitlichen Erweiterungsbauten als Brauerei genutzt. Der letzte Brauereibesitzer, Paul Derz, gab dem Haus bis heute seinen Namen, obwohl es von 1950 - 2011 im Städtischen Besitz war. Eine Umbauphase von 1912 ist durch die erhaltenen Innentüren, eine Holztreppe und dem Fliesenbelag im Erdgeschoss belegt.

Zu DDR-Zeiten verfiel das Derz'sche Haus mehr und mehr. Bereits in den l970iger Jahren musste der Seitenflügel bis auf eine Außenwand abgerissen werden. Kleine und sehr dunkle Wohnungen entsprachen kaum mehr einem zeitgemäßen Standard, sodass in den 8Oiger Jahren der Leerstand folgte.

Planung

Die Planung und Bauarbeiten erfolgten in enger Zusammenarbeit mit Denkmalpflegern, Bauforschern und Restauratoren. Um auf neu entdeckte historische Befunde reagieren zu können, musste während der Bauarbeiten die Planung mehrfach angepasst werden. Je älter die Befunde waren, umso behutsamer wurde damit umgegangen. Jüngere Umbauphasen konnten dagegen rückgebaut werden.

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten sind alle Umbauphasen des Gebäudes sichtbar gemacht worden. Die fast 500-jährige Baugeschichte ist ablesbar. Nichts wurde verdeckt oder kaschiert.

Treppenanlage

Für die separate Erschließung einer Wohneinheit im 2. OG musste ein neues Treppenhaus eingebaut werden. Die Lage dieser Treppe im Bereich, wo der Seitenflügel an das Vorderhaus stößt entspricht auch dem Standort der ursprünglichen Treppenanlage. Dem Galeriegeschoss und dem Obergeschoss des Seitenflügels dient die Treppenanlage als zweiter Rettungsweg. Die Treppe wurde so geplant, dass kein einziger Renaissance-Balken verändert werden musste.

Wohnung im 2. OG

Das gesamte Dachgeschoss dürfte seitens der Denkmalpflege nicht ausgebaut werden. Die Lage des Treppenhauses lässt im 2. OG nur eine große Wohneinheit zu. Das Dach des Seitenflügels dient dieser Wohnung als Terrasse. Der Zugang erfolgt über die historische Türöffnung. In den Außenwänden dieser Etage wurden zahlreiche Nischen wieder freigelegt und in die neue Nutzung einbezogen (offene Regale, der ehemalige Aborterker dient als Wandschrank). In einer Nische wurde eine figurative Wandbemalung der Renaissancezeit entdeckt und aufwändig restauriert. Eine repräsentative zweiflügelige Barocktür verbindet Schlafzimmer mit dem Wohn-Essbereich.

Diele

Die ursprüngliche 5 m hohe Diele wurde im Laufe der Jahrhunderte in immer kleinere Einheiten unterteilte. Viele versetzte Ebenen und kleine, nur schlecht oder gar nicht belichtete Räume hatten die ursprüngliche Struktur des Hauses völlig verdeckt.

Durch den behutsamen Rückbau von Wänden und Decken aus jüngeren Bauabschnitten ist die Dimension der Diele wieder erlebbar geworden. Eine barocke Fachwerkwand mit Fenstern zum Innenraum wurde rekonstruiert. Das Galeriegeschoss wird von einer l00 Jahre alten Holztreppe erschlossen, Wandbemalungen und Stuckdecken wurden restauriert.

Der Umgang mit den wiederentdeckten Bemalungen auf den bauzeltlichen Deckenbohlen stellte eine größere Herausforderung dar. Sie konnten nicht an die Stelle wieder eingebaut werden, wo sie ursprünglich lagen. Gemeinsam wurde entschieden, die Eichendielen mit den restaurierten Bemalungen auf die Deckenbalken der Dielenmitte zu verlegen, obwohl durch die ungleichen Balkenabstände Teile der Bemalungen etwas verdeckt werden.

Das vor 100 Jahren geschlossene große "Luchtfenster" wurde wieder geöffnet und mit einer zeitgemäßen Verglasung versehen, die sich in ihrer Aufteilung an historischen Verglasungen ähnlicher Fenster orientiert. Das gesamte Erdgeschoss im Vorderhaus und Seitenflügel wurde barrierefrei ausgeführt.

Kemladen

Der in den 7Oer Jahren abgerissene Seitenflügel (Kemladen) sollte wieder errichtet werden. Bei den Freilegungsarbeiten stellte sich heraus, dass außer einer noch vorh. Längswand auch die originale südliche Giebelwand in dem angrenzenden gründerzeitlichen Industriegebäude eingebaut war.

Der Neubau wurde in der Kubatur des Vorgängerbaus unter Verwendung der vorh. Ziegelsteinwände und der Fundamente errichtet. Damit die vorh. Fundamente nicht verstärkt werden mussten, wurde eine leichte Holzbauweise gewählt. Wieder konnten freigelegte Nischen, ein weiterer Aborterker, eine bauzeitliche Mauertreppe und ein rekonstruierter Kamin in die neue Nutzung integriert werden.

Energetisches Konzept

Bei der Wärmedämmung des Gebäudes mussten Kompromisse eingegangen werden. Die Gebäudehülle konnte natürlich nicht von außen dämmen. So musste man sich darauf beschränken, die Nischenrückwände (wo keine Bemalungen sich erhalten hatten) mit 8 cm Weichfaserplatten zu dämmen, die mit Lehm verputzt wurden. Die Decken zum unbeheizten Dachraum und zu Dachterrasse über dem Kemladen wurden umso besser mit Zellulose gedämmt. Alle neuen Fenster sind dreifach verglast.

Eine zentrale Gasbrennwerttherme beheizt das Gebäude. Im Erdgeschoss werden Diele und Kemladen mit einer Fußbodenheizung erwärmt. Eine zusätzliche Raumtemperierung erfolgt über eine Erwärmung aller massiven Wãnde im Sockelbereich.

Text: Ulrich Bunnemann / schelfbauhütte GmbH & Co. KG

Fertigstellungstermin06/2013
Bruttogeschossfläche746,61 qm
Umbauter Raum3.696,21 cbm

Landesbaupreis

Landesbaupreis 2014: Anerkennung in der Kategorie „Bausumme bis 1.000.000 €“

Anschrift

Derz'sches Haus
Mühlenstraße 48
18273 Güstrow

Bauherr

schelfbauhütte GmbH & Co. KG
Bergstraße 20
19055 Schwerin

Planer

Ulrich Bunnemann
schelfbauhütte GmbH & Co. KG
Bergstraße 20
19055 Schwerin

Tragewerksplaner

Ingenieurgesellschaft Dr. Apitz mbH
Platz der Freiheit 2-3
19053 Schwerin

Fachplaner

Brandschutz
Frank Werner
Birkenweg 3C
19057 Schwerin

Bauforschung
Dr. Tilo Schöfbeck
Meta-Sander-Straße 14
19055 Schwerin

Restaurator
Matthias Zahn
Bergstraße 26
19073 Klein Rogahn